
Es beginnt mit einem Satz.
„Wenn du nicht mitmachst, gehörst du nicht dazu.“
Und plötzlich geht es nicht mehr nur um Mut.
„Gib doch zu, dass du dich nicht traust, na los sag’s schon!“
Ralf schubste seinen Schulkameraden Michael vor sich her und schaute ihn verächtlich an.
„Memme! Mach, was du willst, aber wenn du heute nicht mitkommst, dann kannst du unsere Clique endgültig vergessen!“
Mit diesen Worten liess er den schlaksigen Jungen stehen.
Michael sammelte seine Schulbücher zusammen und machte sich auf den Weg ins Klassenzimmer.
Er konnte sich nicht auf den Unterricht konzentrieren. Ihm gingen Ralfs Worte immer noch durch den Kopf.
„Wenn du nicht mitmachst, wirst du nie zu uns gehören.“
Gewiss, er wollte auch einer von ihnen sein.
Aber er hatte einfach Angst vor diesem Hang.
In der Pause rempelten ihn Stefan und Thomas an.
„Na Memme, hast‘ es dir überlegt? Machst du mit, oder kneifst du?“
„Ihr spinnt doch. Wieso wollt ihr ausgerechnet einen Abhang runterrutschen, der ausserhalb der markierten Piste liegt?
Man kann doch auch auf den normalen Pisten herausfinden, wer der Schnellste ist.“
„Es geht nicht nur darum, wer der Schnellste ist, sondern auch, wer der Mutigste ist.
Es traut sich eben nicht jeder, nur mit einem Holzbrett ausgerüstet den hohen Kamm runter zu rutschen.
So ein kleiner Wettbewerb macht doch Spass und du kannst dabei obendrein noch ordentlich was verdienen.
Aber dazu müsstest du eben mitmachen.“
Stefan lachte und klopfte seinem Kameraden auf die Schulter.
„Genau. Komm, lass uns gehen und dieses Weichei vergessen.
Er ist es nicht wert, zu uns zu gehören.“
„Wartet.“
„Meinst du etwa uns?“
„Ja. Ich mach’s. Ich komm mit.“
„Ach sieh mal einer an. Hast du das gehört, Stefan?
Er traut sich also doch.
Ok, dann heute Nachmittag um 16.00 Uhr auf dem hohen Kamm.
Keine Skier, kein Schlitten – nur ein Holzbrett ist erlaubt, klar?
Wir warten auf dich.“
Es war eine harte Zeit für Michael.
Als seine Eltern sich scheiden liessen, zog seine Mutter mit ihm und seinen Geschwistern zurück in ihr Elternhaus in diesem kleinen Bergdorf.
Die Grosseltern schauten auf die Kinder, während die Mutter arbeitete.
Michael hatte so gut wie keine Freunde.
Deshalb wollte er so gerne zu dieser Clique gehören.
Obwohl er wusste, dass diese Jungs nicht der richtige Umgang für ihn waren.
Aber dennoch hatte er das Bedürfnis, anerkannt und bewundert zu werden.
Die Clique war berüchtigt.
Ralf, Thomas und Stefan waren dafür bekannt, dass sie sich gerne prügelten,
sich oftmals auch an Samstagabenden bei Ralf zu Hause betranken, wenn seine Eltern nicht da waren.
Auch den einen oder anderen Diebstahl hätte man ihnen nachweisen können –
wäre nicht ausgerechnet Ralfs Vater der Bürgermeister des Dorfes gewesen.
So wurde natürlich alles vertuscht und schön geredet.
Als der Unterricht an diesem Tag zu Ende war, rannte Michael schnell nach Hause
und besorgte sich ein altes Brett aus Grossvaters Scheune.
Mit dem Sessellift fuhr er zur Moser Alm.
Von dort stapfte er durch den tiefen Schnee bis zum vereinbarten Treffpunkt.
Schon von weitem hörte er Ralf und seine Kumpels rufen.
Ausser Atem stand Michael mit trotzigem Gesichtsausdruck vor seinen vermeintlich neuen Freunden.
„Na bist du bereit?“ höhnte Ralf.
Als Michael den steilen Hang hinunter schaute, breitete sich ein mulmiges Gefühl in seinem Magen aus.
Eine innere Stimme ermahnte ihn, sich von diesem Vorhaben fernzuhalten.
Er wurde von seinen Gefühlen hin und her gerissen.
Die drei Jungen beobachteten ihn schweigend.
Nach ein paar Minuten erwiderte Michael entschieden:
„Nein! Ich mach nicht mit!“
Ralf trat vor ihn hin und meinte abfällig:
„Das dachte ich mir schon.
Hätte mich auch gewundert, wenn du den Mut aufgebracht hättest.
Aber da du jetzt schon mal hier bist, wirst du mit uns da runter rutschen.
Ob du willst oder nicht.
Der Schnellste von uns bekommt diese 300 Euro hier.“
Dabei wedelte er mit einem Bündel Noten vor Michaels Augen.
„Die hab ich heute Morgen einer alten Mutti aus der Tasche geklaut,
als sie im Laden an der Kasse stand.
Pech für die Alte, dass sie nicht aufgepasst hat.“
Seine Kumpels lachten.
Michael und Ralf standen sich am Rande des Hanges gegenüber und schauten sich in die Augen.
Unbemerkt waren Stefan und Thomas hinter Michael getreten
und gaben ihm einen Schubser.
Michael verlor den Halt
und rutschte kopfvoran den Hang hinunter.
Ein kleiner Baum, an dem er sich gerade noch festhalten konnte,
bremste seinen Sturz.
Laut johlend schossen die drei Jungen auf ihren Holzbrettern an Michael vorbei.
Benommen stand er auf,
als er plötzlich eine Stimme hörte.
„Na mein Junge, geht’s wieder?“
Er schaute sich um
und konnte in einiger Entfernung eine kleine, unscheinbare Hütte ausmachen,
die er vorher gar nicht gesehen hatte.
Davor stand eine alte Frau.
„Magst reinkommen auf eine Tasse Tee?“
Michael taten alle Knochen weh
und er nahm die Einladung dankbar an.
Er konnte sich beim besten Willen nicht an diese Hütte erinnern,
obwohl er oft hier oben war – allerdings ein paar Meter weiter drüben, auf den gesicherten Ski-Pisten.
Auf seine entsprechende Frage hin lachte die alte Frau und meinte:
„Die Hütte steht schon länger hier, als du auf der Welt bist, mein Junge.“
Sie schenkte ihm einen wohlriechenden Tee ein
und liess ihn auf der warmen Ofenbank Platz nehmen.
„Erzähl mir, was dich hierher führt, mein Junge.“
In kurzen Sätzen erklärte Michael, was Ralf und seine Kumpels vorhatten.
Sie hörte ihm aufmerksam zu,
nickte nur ab und zu mit dem Kopf.
„Soso, sie wollten dich also diesen Abhang hinunterjagen.
Mutprobe, was?
Gefährlich, sehr gefährlich!
Hier sind schon viele vermeintliche Helden ums Leben gekommen.
Hast klug gehandelt, mein Junge.“
Traurig fügte sie hinzu:
„Auch mein Mann Teddy ist an diesem vermaledeiten Hang gestorben.“
„Das tut mir leid“, erwiderte Michael aufrichtig.
„Kannst ja nix dafür, mein Junge.“
Sie klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.
Die alte Frau erzählte Michael noch ein paar tragische Geschichten,
die sich am hohen Kamm abgespielt hatten.
„Wohnen Sie schon lange hier?“, fragte Michael neugierig.
„Och, schon viele, viele Jahre.“
„Wie kommt es, dass ich Sie noch nie im Dorf gesehen habe?“
„Ich bin sehr selten im Dorf.
Und vermutlich warst du dann in der Schule.“
„Jetzt wird es aber Zeit für dich zu gehen.
Ich zeige dir einen Weg, der dich sicher zu deiner Familie zurückbringen wird.“
Die Alte begleitete ihn vor die Tür und wies ihm den Weg.
„Leb wohl, mein Junge, und pass auf dich auf!“
Mit diesen Worten verschwand sie wieder in ihrer Hütte.
Als Michael ein Stück gegangen war,
drehte er sich nochmals nach der Hütte um.
Doch sie war bereits aus seinem Blickfeld verschwunden.
Nachdenklich machte er sich auf den Weg ins Tal.
Eine gute Stunde später war er zu Hause,
wo seine Mutter ihn schon ganz ungeduldig und ängstlich erwartete.
„Wo warst du nur, Junge?
Wir haben dich überall gesucht!“
Mit Tränen in den Augen stürmte sie auf Michael zu und riss ihn in die Arme.
„Wieso denn?“
„Hast du es denn nicht gehört?“
„Was, Mama?“
„Heute Nachmittag ging am hohen Kamm eine Lawine ab.
Die Bergrettung hat drei Jungen gefunden, für die jede Hilfe zu spät kam.
Sie müssen mit Holzbrettern hinuntergerutscht sein.
Die Helfer fanden aber noch ein viertes Brett und…“
Schluchzend zog sie ihn wieder in ihre Arme.
„…einige Kinder aus der Schule haben mitbekommen,
dass ihr ein Wettrennen geplant hattet.
Mein Gott, ich hatte solche Angst um dich!“
Michael starrte seine Mutter ungläubig an.
Nach dem ersten Schrecken sprudelten die Worte nur so aus ihm heraus:
„Ja, zuerst wollte ich mitmachen.
Ich wäre doch so gern in ihrer Clique gewesen.
Aber dann habe ich doch ’nein‘ gesagt.
Sie haben mich geschubst.
Beim Sturz ist mir das Brett entglitten und den Hang hinuntergerast und dann…“
Seine Mutter strich ihm sanft über den Kopf und flüsterte:
„Ganz ruhig, mein Junge.
Es ist ja alles gut.“
Eine Weile standen die beiden schweigend da.
Jeder hing seinen Gedanken nach.
Plötzlich löste sich Michael sanft aus der Umarmung und fragte:
„Mama… du bist ja hier aufgewachsen.
Seit wann steht neben der Piste beim hohen Kamm eine Hütte?“
„Eine Hütte?
Dort oben gibt es nichts anderes als ein paar Bäume.
Sonst ist da nichts.
Dort würde niemand freiwillig hingehen.
Es ist viel zu gefährlich.“
Ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen.
„Es sei denn,
du glaubst an die Sage von der alten Wagmeisterin.
Seit ihr Mann Teddy vor 150 Jahren an diesem Hang ums Leben kam,
soll sie dort oben herumspuken
und ab und an einem guten Menschen das Leben retten.“
Und manchmal ist genau das
der Moment, in dem alles kippt.
Nicht, weil jemand springt.
Sondern weil jemand stehen bleibt.
© Rahel Sahler, 2005
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